Dr. iur. h.c. Gerhard Strate

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„Vieles ist auf Verschleierung angelegt“

Anwalt Gerhard Strate über zockende Banken, den Fall Monika Weimar und warum er einen Bankräuber als Gärtner beschäftigt hat.

von K. Läsker u. K. Ott
Süddeutsche Zeitung, 08.03.2010

Früher war Gerhard Strate, 60, im Kommunistischen Studentenverband, bis heute kämpft er gegen das Kapital: Zuletzt hat der Anwalt die BayernLB und die HSH Nordbank angezeigt. Deren Vorstände hätten mit windigen Kreditgeschäften Bankvermögen veruntreut, meint er: „Die Dimensionen, in denen Großbanken Geld verzockt haben, sprengen das Maß des Vorstellbaren.“ Wenn Strate nicht gerade Bankvorstände jagt, verteidigt er gerne auch Bankräuber. Oder er rollt Prozesse auf, um Mörder oder Straftäter aus dem Knast zu holen. Am liebsten verteidigt er Menschen, die als unsympathisch gelten.

SZ: Herr Strate, sind Sie ein Bankenhasser? Was sagt Ihre Hausbank dazu, dass Sie ständig Institute wie die HSH Nordbank oder die BayernLB anzeigen?

Strate: Meine Hausbank ist die Hamburger Sparkasse und die verfolgt mein Vorgehen mit heimlicher Sympathie: Die Sparkasse hat zwar auch manchen Anleger falsch beraten, aber sie hat sich nicht an großen Handelsgeschäften mit fragwürdigen Kreditpaketen aus Übersee beteiligt.

SZ: Als Strafverteidiger haben Sie jahrelang angebliche Mörder, Sexualtäter und Drogenhändler aus dem Gefängnis geholt. Wollen Sie jetzt umgekehrt Manager hinter Gitter bringen?

Strate: Auch Kollegen werfen mir schon vor, dass ich die Seiten gewechselt hätte. Aber ich sehe mich auf der richtigen Seite. Mir geht es um die gleiche Handhabung der Maßstäbe. In Deutschland müssen Menschen wegen Lappalien ins Gefängnis. Bei einer Bank wie der HSH Nordbank werden mit windigen Geschäften Milliarden verspekuliert und nichts geschieht. Jedenfalls noch nicht.

SZ: Man hängt die Kleinen und die Großen lässt man laufen?

Strate: Man kann es so sagen. Ich habe Angst, dass das Rechtsempfinden in unserer Gesellschaft aus den Fugen gerät. Jeder kleine Handwerksbetrieb muss Arbeitsschutzgesetze einhalten. Tut er das nicht, und es kommt zu einem Unfall, dann ist der Inhaber dran.

SZ: Sie werfen Vorständen wie HSH-Chef Dirk Jens Nonnenmacher die Veruntreuung von Bankvermögen vor. Ein großes Wort. Dazu gehört Vorsatz. Aber Sie behaupten doch nicht ernsthaft, dass die Bankchefs vorgehabt hätten, ihre Institute um Milliarden zu schädigen?

Strate: Diesen Vorsatz haben sie bestimmt nicht gehabt, aber im Strafrecht reicht der bedingte Vorsatz. Wer Papiere kauft, mit denen Risiken von einer Bank zur nächsten weitergereicht wurden, der muss ein geordnetes Risikomanagement haben - und das fehlte den Banken.

SZ: Viele Banken haben mit Kreditpaketen unterschiedlichen Risikos gehandelt, die Rating-Agenturen haben Bestnoten vergeben.

Strate: Die Richtlinien der Bankenaufsicht besagten schon damals, dass sich eine Bank auf den Handel mit solchen Kreditpaketen nur einlassen darf, wenn ihr Risikomanagement funktioniert. Das bedeutete eine genaue Marktbeobachtung der den betreffenden Finanzanlagen zugrunde liegenden ausländischen Kreditmärkte. Die gab es jedoch nicht.

SZ: Ihre Anzeige gegen die Deutsche Bank war wirkungslos. Bei der Bayern LB sind Ihre Erfolgsaussichten gering. Werden Sie mit Ihrer Flut von Anzeigen am Ende als gescheiterter Racheengel dastehen?

Strate: (lacht) Es ist keine Flut von Anzeigen, es sind vier Anzeigen gegen vier Großbanken wie HSH Nordbank und BayernLB. Bei der HSH rechne ich fest mit einer Anklage. Die Manipulation der Bilanz 2007 ist eindeutig.

SZ: Sie hätten eigentlich gleich Staatsanwalt werden können.

Strate: Allenfalls Leiter einer Mordkommission, aber Staatsanwalt... nein. Mich haben Kapitalverbrechen immer schon interessiert - als unabhängiger Rechtsanwalt.

Faible für unsympathische Menschen

SZ: Es heißt, Sie seien wegen einer Frau Jurist geworden. Stimmt das?

Strate: Das stimmt so halb: Ich hatte eine Jugendliebe in Prag. Damals hatte ich mich noch nicht für Jura entschieden, aber um sie zu beeindrucken, behauptete ich, ich studiere Rechtswissenschaften. Das war ein Auslöser, dass ich dann tatsächlich mit Jura begonnen habe.

SZ: Was war Ihr erster Fall?

Strate: Da musste ich mich selbst verteidigen. Ich war angeklagt wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ und „versuchter Gefangenenbefreiung“. Ich war bei einer Demonstration 1973 in Hamburg dabei, die von der Polizei aufgelöst wurde. Wir liefen in alle Richtungen und einer kam nicht so schnell fort, der hatte früher Kinderlähmung. Er wurde festgenommen. Ich habe einen der Polizisten gepackt und gesagt: „Lassen Sie den los, der ist krank.“ Der Polizist, das war so ein Schrank, baute sich vor mir auf und sagte: „Was willst Du denn?“ Dann hat er mich festgenommen.

SZ: Wie ist das ausgegangen?

Strate: Ich bekam eine Geldstrafe, später wurde das Urteil aufgehoben; es sollte neu verhandelt werden. Das war die erste Revision, die ich selber geschrieben hatte. Dann kam der Fall zu einem Richter, der eine Arbeitsphobie hatte. Der legte meine Akte einfach in den Schrank, und da liegt sie bis heute.

SZ: Sie haben in Ihren 30 Jahren als Anwalt viele Schicksale erlebt. Was hat Sie am meisten berührt?

Strate: Der Fall von Monika Weimar, die ihre beiden Kinder ermordet haben soll, was bundesweit Schlagzeilen machte. Der Kampf um die Wahrheit ist zwölf Jahre lang durch alle Instanzen sehr intensiv ausgefochten worden. Leider mit dem Ergebnis, dass meine Mandantin, die später Monika Böttcher hieß, schließlich schuldig gesprochen wurde.

SZ: Was ist Ihre persönliche Wahrheit?

Strate: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Monika Böttcher ihre Kinder nicht umgebracht hat. Der Fall ist mir wegen der Kinder besonders nahe gegangen. Ich habe die Fotos von ihnen gesehen, die Obduktionsberichte gelesen und mich mit Details befassen müssen. So etwas lässt einen nicht kalt.

SZ: Sie verteidigen oft Menschen, die als unsympathisch gelten, etwa den Millionenerben Alexander Falk. Der US-Staranwalt Alan Dershowitz hat einmal gesagt: Je schlimmer das Image eines Angeklagten, desto interessanter der Fall.

Strate: Das stimmt. Einer meiner Mandanten war der sogenannte Säuremörder, für den bin ich Ende der neunziger Jahre in Revision gegangen. Er war wegen Mordes von mehreren Frauen verurteilt worden. Er hatte seine Opfer in ein Säurebad getan, um keine Spuren zu hinterlassen. Ganz gruselig. Er konnte aber auch sensibel sein, man konnte spannende Gespräche mit ihm führen.

SZ: Was treibt Sie dazu, solche Fälle zu übernehmen?

Strate: Von Goethe gibt es den Spruch: „Wenn ich in die Tiefe meiner Seele schaue, blicke ich in Abgründe des Verbrechens.“ Das sind doch alles Menschen. Man behält ein gewisses Maß an Bodenständigkeit und Vorurteilsfreiheit, wenn man mit dieser Einstellung an Mandanten herangeht.

SZ: Sie haben VW-Patriarch Ferdinand Piëch eine Woche lang vorbereitet, als er in der VW-Affäre um geschmierte Betriebsräte und Bordellbesuche vor Gericht als Zeuge aussagen musste. Was hat Piëch von Ihnen gelernt?

Strate: Dazu möchte ich nichts sagen.

SZ: Mandantengeheimnis?

Strate: (schweigt)

SZ: Wenn sie nicht gerade Manager beraten oder Banken anzeigen, gehen Sie in ihrer Freizeit zum Bogenschießen.

Strate: Als mein Bruder 50 wurde und anfing, Golf zu spielen, sagte ich mir, dieser Alt-Herren-Sport kommt für mich nicht in Frage. Da habe ich mich lieber wieder auf das Bogenschießen verlegt, das ich in meiner Jugend schon intensiv betrieben hatte. Es verschafft mir ein großes Gefühl: Die angespannte Einigkeit von Körper und Geist bei der Versenkung in ein Ziel.

SZ: Auf den Golfplätzen könnten Sie leicht Ihren Gegnern aus den Großbanken begegnen.

Strate: Diese Gefahr besteht durchaus.

SZ: In dem Rotarier-Klub in Hamburg, in dem Sie Mitglied sind, könnte Ihnen das auch passieren.

Strate: Aber im Rotarier-Klub ist es wie in meiner Sparkasse, da gibt es überhaupt keine Aversionen. Im Gegenteil. Gerade Mittelständler kommen nun häufiger als vorher mit ihren Problemen zu mir, weil Sie Tipps und Hilfe gegen Wirtschaftskriminalität brauchen.

Bankräuber als Gärtner beschäftigt

SZ: Stimmt es eigentlich, dass sie mal als Justizsenator im Gespräch waren?

Strate: Das war 1993, als ich die Bürgerschaftswahl in Hamburg erfolgreich angefochten hatte und diese wiederholt werden musste. Die Statt-Partei hatte mich in die Wahl gezogen.

SZ: Warum haben Sie abgelehnt?

Strate: Das brauchte ich nicht. Ernannt wurde ein anderer.

SZ: Stattdessen haben Sie dann lieber einen Bankräuber verteidigt.

Strate: Der war so unverfroren, gleich zwei Mal die Filiale der Deutschen Bank am Jungfernstieg zu überfallen. Er hat sich dann im Gefängnis in Fuhlsbüttel ins Strafrecht eingearbeitet und die Hamburger Justiz mit gut 300 Eingaben belästigt. Bis er nach Straubing verlegt wurde. Dort hat er die bayerische Justiz mit erfolgreichen Verfassungsbeschwerden überzogen. Die Bayern schickten ihn entnervt nach Hamburg zurück. Hier wollte man ihn nicht mehr im Gefängnis behalten und hat ihn zum Freigänger gemacht.

SZ: Sie haben ihn dann als Gärtner beschäftigt.

Strate: Kurze Zeit.

SZ: Falls Nonnenmacher oder andere Bankchefs ins Gefängnis kämen, würden Sie die hinterher auch als Gärtner nehmen?

Strate: Ich glaube nicht, dass die meine Blumen pflegen würden.

SZ: Betrachten Sie solche Manager als moderne Bankräuber?

Strate: Nein, auch wenn der Satz von Bertolt Brecht nahe läge, „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“. Ich würde eher von Vorständen reden, die wenig verantwortlich gehandelt haben.

SZ: Ist die deutsche Justiz bei Verfahren gegen Großbanken zu zögerlich?

Strate: Staatsanwaltschaften wird ja nachgesagt, sie seien die Kavallerie der Justiz. Im Moment halten sich die meisten Ermittler aber eher zurück. Sie bleiben lieber noch in der Etappe, um es militärisch auszudrücken. Abgesehen von den Staatsanwaltschaften im Süden, in Stuttgart und vor allem in München, die hart ermitteln. Vielleicht liegt die vielerorts praktizierte Zurückhaltung auch daran, dass die Dimensionen, in denen vor allem Großbanken Geld verzockt haben, das Maß des Vorstellbaren sprengen.

SZ: Sind die Ermittler überfordert? Solche Geschäfte zu beurteilen, ist meist schwieriger, als sich mit Mord oder Totschlag zu befassen.

Strate: Ich sitze seit einem Jahr an der HSH Nordbank dran, und erst jetzt verstehe ich, wie Kreditderivate und andere komplizierte Transaktionen funktionieren. Wie das bilanziert werden muss, ist inzwischen eine Wissenschaft für sich.

SZ: Haben sich die Banken teilweise verselbständigt, von der übrigen Wirtschaft abgekoppelt?

Strate: Viele Banken haben im vergangenen Jahrzehnt eine eigene Sprache entwickelt, die durchsetzt ist von unverständlichen Fachausdrücken und Anglizismen. Geschäftsabläufe werden kompliziert verpackt, vieles ist auf Verschleierung angelegt. Das müssen die Ermittler erst entwirren.

SZ: Das kann Jahre dauern.

Strate: Die Folgen dessen, was viele Banken angerichtet haben, werden uns noch viel länger belasten. Die Fehlentscheidungen von Bankvorständen treffen nicht nur die nächste Generation, sondern womöglich auch noch unsere Enkel.

SZ: Früher waren Sie im Kommunistischen Studentenverband. Heute sind Sie 60 Jahre alt und agieren mit ihren Anzeigen intensiv gegen das Kapital. Kehren Sie zu Ihren Ursprüngen zurück?

Strate: Da gibt es keine Verbindung. Ich liebe diesen Staat als Rechtsstaat. Ich will, dass dieser Rechtsstaat weiterhin funktioniert und nicht plötzlich ein massiver Vertrauensschwund einsetzt.

 

 
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